Die Westfjorde waren immer schon unser Traumziel auf Island. Wenig Touristen, einsame Pisten und tiefe Fjorde erwarten uns. Wir haben ambitionierte Ziele dort. Allem voran die Route 622 von Þingeyri nach Auðkúla. Sie hat einige Herausforderungen für WoKi und Driver. Natürlich auch für die Navigatorin, aber die hat hier eigentlich nichts zu tun, außer Fotos zu schießen und „ohh mein Gott, oder du lieber Himmel“ zu sagen. Aber auch: „Wahnsinn, ist das geil hier!“ – eigentlich nicht so mein Wortschatz, aber außergewöhnliche Situationen brauchen auch außergewöhnliche Ausdrucksmittel!
23. – 26. Juni 2022

Bevor wir uns ins Abenteuer stürzen, wollen wir die süd-westlichste Halbinsel der Westfjorde bereisen. Rauðasandur ist der bekannte rote Sandstrand. Látrabjarg, der Vogelfelsen, zeigt uns hoffentlich einige Puffins, hier ist angeblich die größte Brutkolonie auf Island. Die Holperpiste führt uns hinab zum schönen Strand. Schon von oben können wir die rote Färbung des Sandes sehen und sind ganz fasziniert von der neuen Kulisse, die uns hier geboten wird.

Kilometerweit roter Sandstrand, damit hätten wir auf Iceland nun wirklich nicht gerechnet.


Die Kirche von Saurbær gefällt uns auch, aber unser Nachtplatz in Melanes ist wirklich der Hammer. Wir stehen direkt vor dem roten Strand, das Meer ist noch immer aufgewühlt, stürmisch und wütend, die finsteren Wolkentürme drohen, aber alles bleibt harmlos.

Die Sonne meint es dann doch gut mit uns, wir dürfen endlich draußen sitzen und essen. Aber am Abend ist unser „Basecamp“ ein willkommener Unterschlupf, denn es wird frisch.

So können wir noch lange am Strand auf und ab wandern, Muscheln suchen und vergeblich nach Robben Ausschau halten.



Unseren hartnäckigen Begleiter, den Wind bzw. Sturm, können wir immer noch nicht abschütteln, wir kämpfen uns trotzdem hinauf bis zur Plattform des Vogelfelsens, aber es war nur ein einziger Puffin zu sehen, der sich im Gras ein wenig versteckt hat bzw. Schutz gesucht hat. Wie gut, dass wir auf den Färöer Inseln schon so viele von den putzigen Kerlchen beobachten konnten.


Die Trottellummen brüten hier eng angeschmiegt an den Felsen und es nimmt mich wunder, dass sie nicht der Sturm samt Nest und Eier hinunterwachelt.


Von hier geht es durch wunderschöne Landschaften, die wir zwar im Sonnenlicht aber doch lieber im geschützten Auto bestaunen. Wo geht’s hin? Na klar, schon lange keinen Wasserfall gesehen und diesen hier bezeichnen viele als den Schönsten: der Dynjandifoss.

Er rauscht mit solchem Anmut über die Felsstufen, hier könnte man einfach nur stehen und staunen. Das tun wir auch, klettern noch ein gutes Stück weit hinauf, bis und der Hunger ins WoKi treibt. Den angekündigten CP gibt es hier nicht mehr, früher durfte man am Parkplatz nächtigen. Alles mittlerweile verboten! Das verstehen und akzeptieren wir natürlich. Bei der Flut an MietKlein- bis Kleinstcampern oder Suzukis mit Dachzelt, allesamt ohne Toiletten, ist das die logische Folge. Bis nach Þingeyri ist es nicht mehr weit, daher wählen wir den dortigen CP für unser Nachtquartier aus, zumal hier ja der Ausgangspunkt für unsere Tour 266 ist. Der CP hat einen netten Aufenthaltsraum, wie viele hier, daher brauchen wir unser Mannschaftszelt heute nicht aufbauen.
Am nächsten Morgen sind wir zeitig startklar, das Abenteuer ruft. Wir checken die Gezeiten, denn die Piste kann man nur bei Ebbe fahren. Ok, wir haben bis 16.30h Zeit. Wie oft hab ich mir vorgestellt, in der Morgensonne an der Küstenlinie diese Halbinsel zu umrunden, heute ist es soweit und es sieht wettertechnisch gut aus. Die Sonne versteckt sich noch ein wenig hinter den Wolken, verspricht mir aber, meinen Traum wahr werden zu lassen.

Die Landschaft ist grandios, die Piste perfekt, einfach ein Genuß.

Der Pfad schlängelt sich eng, an den Abhang zum Meer geschmiegt, dahin. Jetzt kommen die ersten überhängenden Felsen, aber das geht sich gut aus (hab ich im Vorfeld schon recherchiert) .

Umdrehen wäre hier wohl schwierig gewesen, Retourfahren auch – a narrow track !

An der Spitze der Halbinsel steht ein Leuchtturm, vereinzelt sieht man ein verlassenes Gehöft.



Die Piste führt mitten durch duftende Lupinienfelder die jetzt in voller Blüte stehen.

Kleine Furten erhöhen den Spaßfaktor. Dann geht es ans Eingemachte. Jetzt kommt dieser Abschnitt, der nur bei Ebbe zu befahren ist.

The Best Is Yet To Come… das hat schon Frank Sinatra gesungen, aber ich bezweifle, ob er jemals hier war 🙂

Hier gibt es faktisch keine Piste mehr, denn das Meer gestaltet bei jeder Flut den Strand um.

Die großen Kieselsteine rutschen unter unserem Gewicht weg, die Schräglage ist – jedenfalls für mich von außen gesehen – ziemlich beängstigend, aber Toyo und Driver geben ihr Bestes. Im Gegensatz zu mir, ich kann vor lauter Schreck nicht einmal die Kamera ruhig halten. Fazit: es gibt kein einziges Bild von der „Schlüsselstelle“! Ich hab ja nie behauptet, ich hätte Nerven wie Drahtseile, aber hilfreich wären sie jetzt schon gewesen 🙂

Alles gut gegangen, der Adrenalinspiegel pendelt sich wieder ein und wir spenden Applaus – 2 x Toyota, 1 Bimobil und 2 engagierte Driver, ihr seid die Besten !!!!


Der Arnarfjörður gilt als der Schönste in den Westfjorden. Mit diesem Superlativ sind wir einverstanden, jedenfalls bei dem tollen Wetter.

Seit heute ist auch die Passtraße 60 offen, daher queren wir die Halbinsel und fahren über die Berge zurück nach Þingeyri.

An manchen Hängen liegt noch ziemlich viel Schnee.

Bis Isafjörður reicht unser Elan noch. Erst den ärgsten Dreck von den Kisten waschen, dann setzen wir uns bei einem netten Kaffi in die Sonne.




Unseren ruhigen und entspannten Nachtplatz finden wir bei einem Wasserfall. Den haben wir uns heute wohl mehr als verdient.

2 Ziele gibt es noch in den Westfjorden, die wir ansteuern möchten Djúpavik und Krossnes. Ein kleines Stück nördlich von Isafjörður liegt noch Bolungarvik, der Aussichtsberg Bolafjall verweigert uns allerdings die Auffahrt, viel zuviel Schee auf der Piste.

Das kleine Freilichtmuseum Osvör gilt als Ersatz und gefällt uns auch, bis der erste Bus um die Ecke biegt. Heute ist nämlich Sonntag 🙁

Bis Krossnes – dem nördlichsten und einsamsten Hot Pot Islands – sollten wir es noch schaffen. Erst gibt es Sonnenschein pur, dann ziehen Wolken auf, der Wind ist sowieso immer bei uns. Trotzdem erfreut uns die typische Landschaft in den Fjorden, obwohl sie Kurblerei ganz schön mühsam ist. Regen und Wind peitschen uns später den Dreck der Schotterpiste auf die Autos, wir kämpfen tapfer weiter bis kurz vor Krossnes.

Hier ist ein „Campingplatz“ jedenfalls bietet uns der freundliche Isländer eine windgeschütze Bleibe auf der Wiese vor einem Guesthouse mit Aufenthaltssraum und Kochgelegenheit. Das ist gut, wir bleiben und beschließen, den Hot Pot morgen zu besuchen. Immer in der Hoffnung, dass sich das Wetter beruhigt.

Tut es nicht, wir sehen uns den wirklich herrlich gelegenen Hot Pot an, aber niemand hat Lust darauf bei diesem Sauwetter.
In Djúpavik gibt es eine alte Fischfabrik, die vor dem 2. Weltkrieg eine der fortschrittlichsten Heringsfabriken Europas war. Ab 1948 blieb der silberne Fisch aus und die glorreiche Aera ging zu Ende. Der nette junge Mann erzählte uns sehr viel und beinahe leidenschaftlich den Beginn und Verfall, heute werden viele Anstrengungen unternommen sie zu erhalten und neue Aufgaben für die Hallen zu finden. Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen hauchen dem morbiden Gebäude neues Leben ein.





In dem gemütlichen Hotel finden alle was sie brauchen. Heißen Kaffe, herrliche Waffeln und für den Wolfgang gibt es einen Hund zum Steicheln 🙂


Das war mein Bericht von den schönen Westfjorden, wir hoffen immer noch, dass zumindest einige der Hochlandpisten freigegeben werden. Bei den Temperatuern stehen die Chancen nicht allzu gut, fürchten wir.
Ob wir recht haben, das könnt ihr im nächsten Bericht lesen, und wir freuen uns, wenn ihr mit uns reist. Spannend bleibt es allemal. Auch im Hochland 🙂
Weiterlesen: Fire, Ice and Wind – Island #8

2 Comments
Detlev
24. Juli 2022 at 20:55Wieder viele sehr schöne Bilder und ein sehr bildhafter Text, danke.
Viele Grüße aus Berlin / Brandenburg
Günter Klar
10. Juli 2022 at 11:48Schöne Aufnahmen in menschenleerer Umgebung. Sehr abenteuerlich – nichts mehr für mich. Dennoch danke für den Bericht.